Schlagwort: Körperwahrnehmung

  • Was eine Nachricht in mir zurücklässt

    Manche Nachrichten sind längst geschlossen, während wir innerlich noch geöffnet bleiben.

    Das Handy liegt wieder auf dem Tisch. Der Artikel ist gelesen. Vielleicht sind seitdem mehrere Minuten oder sogar Stunden vergangen.

    Und trotzdem ist noch etwas da.

    Ein Satz taucht erneut auf. Der Körper wirkt angespannter. Wir denken weiter, obwohl keine neue Information hinzugekommen ist.

    Diese kleine Übung hilft dabei, bewusst wahrzunehmen, was eine Nachricht in uns ausgelöst hat, bevor wir automatisch weiterlesen, weiterdenken oder nach der nächsten Einschätzung suchen.

    Es geht nicht darum, eine Reaktion wegzumachen.

    Es geht darum, zu bemerken, was die Nachricht in uns zurückgelassen hat.

    Bevor du beginnst

    Wähle eine Nachricht, die dich in letzter Zeit beschäftigt hat.

    Es muss nicht die schwerste oder beunruhigendste Meldung sein. Nimm etwas, das noch ein wenig in dir nachwirkt, ohne dich völlig zu überfordern.

    Lege das Handy für einen Moment zur Seite.

    Du brauchst nichts sofort zu lösen.

    Nimm dir nur einige Minuten Zeit, um genauer hinzusehen.

    1. Was weiß ich tatsächlich?

    Versuche, die Nachricht in ein oder zwei einfachen Sätzen zusammenzufassen.

    Nur das, was wirklich berichtet wurde.

    Noch keine Vermutung.

    Keine mögliche Folge.

    Keine Einschätzung darüber, wie schlimm oder bedeutend es werden könnte.

    Frage dich:

    Was weiß ich nach dieser Nachricht tatsächlich?

    Vielleicht bemerkst du, dass die gesicherte Information kleiner ist als die Geschichte, die inzwischen in deinen Gedanken entstanden ist.

    Das bedeutet nicht, dass deine Sorgen unsinnig sind.

    Es macht nur wieder sichtbar, wo die Nachricht endet und wo deine Vorstellungskraft begonnen hat, sie weiterzuführen.

    2. Was habe ich innerlich ergänzt?

    Nun richte den Blick auf alles, was nach dem Lesen hinzugekommen ist.

    Vielleicht sind es Gedanken wie:

    Was, wenn es schlimmer wird?

    Bestimmt bedeutet das, dass …

    Am Ende wird es wahrscheinlich …

    Was geschieht dann mit meiner Familie, meiner Arbeit oder unserer Zukunft?

    Diese Gedanken können verständlich sein. Trotzdem sind sie nicht automatisch Teil der ursprünglichen Information.

    Versuche, zwei Sätze zu vervollständigen:

    Die Nachricht sagt …

    Ich stelle mir darüber hinaus vor …

    Zwischen diesen beiden Sätzen kann ein wichtiger Abstand entstehen.

    Nicht, weil Möglichkeiten unwichtig wären.

    Sondern weil eine Möglichkeit nicht dasselbe ist wie das, was gerade tatsächlich geschieht.

    3. Was geschieht in meinem Körper?

    Lass die Gedanken für einen Moment stehen und richte deine Aufmerksamkeit auf deinen Körper.

    Du musst nichts verändern.

    Bemerke nur:

    Wie fühlt sich dein Atem an?

    Sind deine Schultern locker oder leicht angehoben?

    Ist dein Kiefer angespannt?

    Wie fühlt sich dein Brustraum an?

    Gibt es Unruhe im Bauch, in den Händen oder in den Beinen?

    Vielleicht spürst du kaum etwas. Auch das ist in Ordnung.

    Vielleicht bemerkst du erst jetzt, dass dein Körper die Nachricht noch eine Weile mitgetragen hat.

    Eine Nachricht wird nicht nur verstanden.

    Sie kann auch einen Zustand hinterlassen.

    Diesen Zustand wahrzunehmen bedeutet noch nicht, dass du dich beruhigen musst. Es bedeutet zunächst nur, dass du wieder bemerkst, was gerade in dir geschieht.

    4. Gibt es etwas, das ich tun kann?

    Frage dich nun:

    Gibt es aufgrund dieser Nachricht heute eine konkrete Handlung für mich?

    Vielleicht lautet die Antwort ja.

    Du möchtest mit jemandem sprechen. Etwas prüfen. Eine Entscheidung vorbereiten. Einen Termin vereinbaren oder eine sinnvolle Vorsorge treffen.

    Dann formuliere den nächsten Schritt möglichst klein und klar.

    Nicht:

    Ich muss jetzt alles verstehen.

    Sondern beispielsweise:

    Morgen prüfe ich diese eine Information.

    Heute Abend spreche ich darüber.

    Ich entscheide bis Freitag, ob ich handeln möchte.

    Vielleicht lautet die ehrliche Antwort aber auch:

    Im Moment kann und muss ich nichts tun.

    Auch das ist eine wichtige Erkenntnis.

    Nicht jede Nachricht verlangt eine unmittelbare Handlung von uns. Manche verlangen nur, dass wir sie zur Kenntnis nehmen.

    5. Brauche ich wirklich noch eine weitere Meldung?

    Vielleicht spürst du den Impuls, noch einmal nachzusehen.

    Noch einen Artikel.

    Noch eine Einschätzung.

    Noch ein Video.

    Noch eine Stimme, die endlich Klarheit verspricht.

    Halte einen Moment inne und frage dich:

    Fehlt mir gerade wirklich eine neue Information?

    Oder suche ich nach einer Sicherheit, die mir keine weitere Meldung geben kann?

    Es gibt Situationen, in denen weitere Informationen sinnvoll und notwendig sind.

    Es gibt aber auch den Punkt, an dem wir nichts Neues mehr erfahren und das Thema nur erneut in uns öffnen.

    Du musst diesen Punkt nicht immer richtig erkennen.

    Es reicht, ihn überhaupt zu bemerken.

    6. Die Nachricht für jetzt beenden

    Richte deinen Blick wieder auf den Raum, in dem du dich befindest.

    Bemerke den Boden unter deinen Füßen.

    Höre für einen Moment auf die Geräusche um dich herum.

    Sieh einen Menschen, einen Gegenstand oder eine Aufgabe, die tatsächlich Teil deines gegenwärtigen Lebens ist.

    Dann kannst du innerlich sagen:

    Ich habe die Nachricht gelesen.

    Ich weiß, was ich im Moment wissen kann.

    Falls eine Handlung nötig ist, kenne ich meinen nächsten Schritt.

    Für jetzt darf ich zurückkehren.

    Die äußere Geschichte muss dafür nicht abgeschlossen sein.

    Aber du musst nicht die ganze Zeit innerlich geöffnet bleiben.

    Was nach der Übung bleiben darf

    Vielleicht bist du danach ruhiger.

    Vielleicht auch nicht.

    Ruhe ist nicht das eigentliche Ziel dieser Übung.

    Wichtiger ist, dass wieder etwas klarer geworden ist:

    Was weiß ich?

    Was stelle ich mir vor?

    Was spüre ich?

    Was kann ich tun?

    Was darf für den Moment liegen bleiben?

    Eine Nachricht ernst zu nehmen bedeutet nicht, sie ununterbrochen weiterzuführen.

    Manchmal beginnt Verantwortung damit, genauer hinzusehen.

    Und manchmal beginnt sie damit, das Handy wieder wegzulegen.

    Weitergehen

    Diese Übung knüpft an den Raumtext „Warum schlechte Nachrichten so lange in uns weiterwirken“ an. Dort geht es darum, warum Nachrichten unsere Aufmerksamkeit, Vorstellungskraft und unseren Körper noch beschäftigen können, obwohl das Lesen längst beendet ist.

    Warum schlechte Nachrichten so lange in uns weiterwirken →

    Weitere Beiträge dieser Reihe findest du unter:

    Mitten in der Welt →